Weißmann, Dr. Tobias Christian

 

 

 

 

 

 

 

 

Dr. Tobias Christian Weißmann, FB 07, Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, Abteilung Musikwissenschaft

Figurationen des Nationalen in der staatlichen Festkultur Venedigs im 17. und 18. Jahrhundert: Identitätsbildung, Selbstdarstellung, Fremdwahrnehmung

Das Teilprojekt untersucht die staatliche Festkultur Venedigs von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zum Ende der Republik im Jahr 1797 im Hinblick auf Prozesse nationaler Identifikation und Repräsentation sowie deren Wahrnehmung durch auswärtige Beobachter*innen. Schließlich verstanden sich die Venezianer, die durch ein stabiles Staatssystem mit territorialer Bindung, eine gemeinsame Sprache und kulturelle Traditionen verbunden waren, als eine altehrwürdige und stolze Nation, woran noch heute diverse politische Vereinigungen in patriotischer bis nationalistischer Gesinnung in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen der Region Venetiens von der Republik Italien anknüpfen (›nazionalismo veneziano‹ bzw. ›venetismo‹).

Im Abgleich mit politischen und humanistischen Diskursen, der offiziellen Geschichtsschreibung und staatlich beauftragten Kunstwerken diskutiert das Teilprojekt, inwiefern der Kanon an Narrativen, Allegorien und Symbolen in der Festkultur der Serenissima im 17. und 18. Jahrhundert zur Dynamisierung venezianischer Identitätsstiftung und Repräsentation aktiviert und aktualisiert wurde. Die regelmäßigen und außerordentlichen Feste werden als von Ritus und Zeremoniell bestimmte multimediale Inszenierungen analysiert, die im Zusammenwirken performativer, bildkünstlerischer und musikalischer Elemente und unter Einbeziehung des venezianischen Stadtraums auf die sinnliche Erfahrbarmachung nationaler Figurationen im Sinne einer ›Sensoryscape‹ zielten. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Gründungsmythos, dem Markuskult, der Venetia-Allegorie, historischen Schlüsselereignissen sowie venezianischen Spezifika wie der Sprache (›vèneto‹), Kleidung, Bootsbaukunst, Ruderweise (›vogare alla veneta‹), der Wassermetaphorik und der Frage nach bildkünstlerischen und musikalischen Idiomen im Sinne einer spezifisch-venezianischen ästhetischen Ausdrucksform. Da bei den Veranstaltungen nicht nur die aristokratische Führungselite, sondern auch popolani und cittadini mit eigenen Aktivitäten beteiligt waren, lassen sich zudem Prozesse zur Inklusion der venezianischen Bevölkerung und zur Exklusion auswärtiger Besucher*innen konstatieren.

Das Projekt verfolgt einen dezidiert interdisziplinären Forschungsansatz, der Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, Performativitäts-, Kommunikations- und Wahrnehmungsforschung sowie Sinnes- und Emotionsgeschichte verbindet.

 

Stand: Februar 2022

Kontakt:  tobias.weissmann@uni-mainz.de