Das Forum Frühe Neuzeit an der JGU Mainz ist ein interdisziplinärer Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den historischen Kulturwissenschaften, deren Forschungsgebiete die Zeit zwischen ca. 1400 und 1800 betreffen. Die Fächergruppe markiert die national wie international ausgewiesene Stärke der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in der Frühneuzeitforschung, die institutionell und personell breit verankert ist und eine hervorragende Grundlage für gemeinsame Forschungsvorhaben bietet. Die Beteiligten vereinen ein breites Spektrum geistes- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen – darunter Geschichtswissenschaft, Kunst- und Musikwissenschaft, Literatur- und Sprachwissenschaft, Buchwissenschaft, Klassische Philologie und Theologie – und verbindet diese mit innovativen methodischen Zugängen, insbesondere aus der Praxeologie und den Digital Humanities. Diese interdisziplinäre Zusammensetzung ermöglicht es, ästhetische, mediale, soziale und historische Dimensionen der frühneuzeitlichen Kulturgeschichte systematisch miteinander zu verschränken.
Eine besondere Rolle kommt zudem der Entwicklung digitaler Arbeits- und Vermittlungsformate zu.
Im Zentrum der Arbeit steht das derzeit wieder hochaktuelle Phänomen der Nationenbildung, die auf innovative Weise vor allem anhand der Frühzeit ihrer Ausprägung vom ausgehenden Mittelalter bis um 1800 untersucht und nachvollzogen wird. In Abgrenzung von den nationalen und nationalistischen Narrativen des 19. und 20. Jahrhunderts wird die vormoderne Nationenbildung nicht als ein linearer, eindimensionaler Prozess verstanden. Vielmehr soll die für diese Zeit charakteristische Pluralität von zueinander komplementären, bisweilen aber auch konkurrierenden verschiedenartigen Zugehörigkeiten und Identifikationsmöglichkeiten stärker als bisher berücksichtigt und ihre Relevanz für unsere Gegenwart aufgezeigt werden.
Die im Forum Frühe Neuzeit versammelten Teilprojekte analysieren die Elemente, Strukturen und Figurationen des Nationalen in ihren komplexen Wechselbeziehungen zwischen theoretischen Konzepten, politischen Praktiken und künstlerisch-kulturellen (Re-)Präsentationen. Auf diese Weise soll die bisher vor allem von der Geschichts- und Politikwissenschaft sowie Soziologie geprägte Nations-Forschung aus einer kulturhistorischen Perspektive und mit einem Fokus auf neue Quellen und Gattungen insbesondere aus der Literatur- und Translationswissenschaft, der Theologie und Religionsgeschichte sowie der Kunstgeschichte und Musikwissenschaft einer kritischen Revision unterzogen, differenziert und erweitert werden.
Dem liegt die Hypothese zugrunde, dass die im späten Mittelalter einsetzende Dynamik nationalen Denkens, Unterscheidens und Empfindens durch die spezifischen kulturellen Ausprägungen und Handlungen in den Bereichen von Konfession und Religion, von Literatur, Kunst und Musik sowie von Objekten und performativen Ausdrucksformen maßgeblich befördert, wenn nicht sogar präformiert wurde. Diesen Überlegungen soll in vergleichender Analyse verschiedener europäischer Länder und Territorien, aber auch darüber hinaus durch Einbeziehung außereuropäischer Mächte und Regionen wie dem osmanischen Reich oder den europäischen Kolonien z.B. in Lateinamerika nachgegangen werden.
Das Forum Frühe Neuzeit geht hervor aus der Forschungsplattform „Frühe Neuzeit. Figurationen des Nationalen“, die zwischen 2019 und 2026 als Potentialbereich der JGU durch die Forschungsinitiative des Landes Rheinland-Pfalz gefördert wurde.